Deutsch-sowjetische Freundschaft: Im schönsten Wiesengrunde

Von Manja Präkels (aus DENKSTATT der Gedankenmanufaktur Wort & Ton)

Anfrage an den Sender Jerewan: Stimmt es, dass der Kapitalismus am Abgrund steht?

Antwort: Im Prinzip ja, aber wir sind bereits einen Schritt weiter.

„Als Victor Ivanovich Nikitin, gemeinsam mit dem Alexandrov-Ensemble beim Friedenskonzert im August 1948 am Berliner Gendarmenmarkt „Im schönsten Wiesengrunde“ anstimmte, weinte die zerstörte Stadt. „Unter jedem Dach ein Ach“ hieß es damals. Und dort, an diesem Sommertag im Schutt mag mancher still für sich sich gedacht haben, daß es nun endgültig vorbei sei, mit dem Krieg. Für den Moment war „der Russe“ kein Feind mehr, sondern dieser großartige Sänger, der sich die Mühe machte, den Deutschen ein Lied vorzusingen, in ihrer Sprache. Das Konzert wurde im Radio übertragen und erreichte so Millionen Ohren. Meine Großmutter heulte, wenn sie nur daran dachte. Aber zum Heulen war ihr eigentlich immer zumute, wenn sie vom Krieg und seinen Folgen sprach.

An einem sonnigen Nachmittag war es auch, sie saß auf ihrer blauen Plüschcouch und strickte an einem Westover, daß sie mir von ihrer Freundin erzählte. „Die sind jede Nacht über sie drüber.“ Irgendwann sei die Freundin auf der Flucht zurückgeblieben. „Zum Sterben“, erklärte meine Oma, ohne daß ich danach gefragt hätte. „Mich haben sie verschont, ich hatte ja das Kind dabei. Die waren sehr kinderlieb.“ Ich war zwölf und verstand diese Geschichte als eines unserer vielen, kleinen Geheimnisse. Später, als sie meiner Schweigsamkeit gewiß sein konnte, erzählte sie von einem jungen Soldaten: „Ein Russe, noch Grün hinter den Ohren.“ Sie saß mit dem dreijährigen Kind, das Mama zu ihr sagte, aber nicht ihr Sohn, sondern eine der vielen Kriegswaisen war, in einem Berliner Keller, versuchte Nahrung aufzutreiben, zu überleben und herauszufinden, wo ihre Familie geblieben war, ob und wo die Eltern und Geschwister noch lebten. „Da war eine Eckkneipe. Gab’s immer Freitag was zum Essen.“ Meine Oma hatte einen Verehrer unter den dort Beschäftigten. „Hinter der Theke war so eine Luke, da ging’s steil runter zu´n Fässern.“ Sie lockten den jungen Soldaten mit Zigaretten. „Dann haben die ihn da runtergeschmissen und am nächsten Tag gab es Kaninchenfleisch.“ Die Oma strickte, heulte und ihre Tränen tropften auf die Wolle. Ich schwieg verwirrt und ging erst mal an die frische Luft….“ weiterlesen

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