„Warum ich den Appell gegen Prostitution der EMMA und von Alice Schwarzer ablehne“

„90 Prominente aus den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft haben Alice Schwarzers Appell gegen Prostitution unterzeichnet. Am 7. November 2013 erscheint Alice Schwarzers neues Buch „Prostitution – Ein deutscher Skandal. Wie konnten wir zum Paradies der Frauenhändler werden?“ Weder das Buch, die ausgezeichnet geplante PR-Kampagne oder die Unterschriften der Prominenten machen die Forderungen und Argumente im Appell sinnvoller.“

Ein Beitrag von Sonja. Sonja Dolinsek ist Gründerin des Online-Magazins “menschenhandel heute”, schreibt dort über Menschenhandel, aber auch über Sexarbeit, und forscht zur Wissensgeschichte der Prostitution im 20. Jahrhundert.

“menschenhandel heute” ist entstanden aus einer studentischen Lehrveranstaltung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ziel ist es die öffentliche Debatte um Menschenhandel und verwandten Themen, wie z.B.Migration und Sexarbeit, kritisch zu begleiten.

sonjadolinsek.net  @sonjdol  @traffiknews_de

„PROSTITUTION IST KEINE SKLAVEREI

Die Beschreibung von Prostitution als Sklaverei oder „Weiße Sklaverei“ verharmlosen die Sklaverei und ihre Geschichte. Sklaverei ist – äußerst verkürzt gesagt – eine rechtliche und gesellschaftliche Institution, die vererbt wird, in der die Menschlichkeit der Personen negiert wird und in der die versklavten Menschen Eigentum einer anderen Person sind. Rein rechtlich gesehen gibt es diese Sklaverei heute nicht mehr und in diesem Sinne wurde sie auch abgeschafft. Auf ähnliche Weise, so die Forderung im Appell, sollte nun die Prostitution abgeschafft werden – indem sie verboten wird. So einfach ist das aber nicht.

Die Geschichte der Sklaverei ist vielfältig, kompliziert und sie ist mit der Geschichte des Kapitalismus, der westlichen Überlegenheit, des Kolonialismus, des Rassismus und noch vielen anderen Aspekten verknüpft. Blickt man mit der Gender-Brille auf die Sklaverei, sieht man nun auch die oft vergessenen Erfahrungen versklavter Frauen und das Bild wird noch komplexer. Darauf komme ich aber später nochmal zurück.

Auch die Rede von „moderner Sklaverei“, also von Praktiken der Ausbeutung, Entrechtung und des Freiheitsentzugs, erfordert eine äußerst differenzierte Herangehensweise, die historische, rechtliche, sozio-ökonomische Perspektiven mit einbezieht. Nicht zuletzt müsste – konsequenterweise – auch eine feministische Position die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse in der globalen Ökonomie mit in die eigenen Forderungen einbeziehen. Aber soziale und ökonomische Misstände an anderen Orten, von denen wir weißen, westlichen und wohlhabenden Menschen (dazu gehört auch Frau Schwarzer) tagtäglich profitieren, wenn wir irgendwo irgendetwas einkaufen, werden in dem Appell nicht thematisiert. Schade, denn hier wäre der Begriff „moderne Sklaverei“ zwar immer noch schwierig (ich verwende ihn lieber gar nicht), aber vielleicht etwas treffender.

Da Prostitution und Sklaverei weder identisch noch vergleichbar sind, fördert Deutschland auch keine „moderne Sklaverei“, zumindest nicht in dieser Form. Die Frage, inwiefern Menschenhandel und Ausbeutung durch strukturelle Mechanismen gefördert wird, ist berechtigt, aber Alice Schwarzers Antwort darauf halte ich für falsch und kontraproduktiv….“ weiterlesen

„Prostitution bedeutet, dass erwachsene Menschen anderen erwachsenen Menschen sexuelle Dienstleistungen gegen Entgelt anbieten. Prostitution ist für diejenigen Menschen, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten, eine Arbeit bzw. Sexarbeit. Sexarbeiter_innen bieten im Vorfeld meist sehr genau und konkret vereinbarte Dienstleistungen für eine ebenfalls vereinbarte Zeit an. Sexarbeiter_innen sind freie Menschen wie alle anderen Menschen auch – mit ihren Problemen, Schwierigkeiten, aber eben auch mit ihren Freuden. Das ist individuell – wie es bei Menschen nun mal ist. Sexarbeiter_innen gehören auch niemanden, sie haben weder sich, noch ihre Menschenwürde, die ja unveräußerbar ist, verkauft.“

Dies ist ein Beitrag aus kleinergast

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