Vor einem Jahr: Der Eklat von Potsdam

von Markus Liske
Mein schönstes Ferienerlebnis:
Bundesmitgliederversammlung der Emanzipatorischen Linken

„Es würde mir nicht im Traum einfallen, einem Klub beizutreten, der bereit wäre, jemanden wie mich als Mitglied aufzunehmen.“ Marx (Groucho)

An diesen Lehrsatz habe ich mich den größten Teil meines Lebens gehalten und bin immer gut damit gefahren. Vor ein paar Monaten habe ich dann gegen ihn verstoßen und bin … naja, gut gefahren bin ich trotzdem. Nämlich ohne Zugausfall mit der Bahn nach Potsdam (was wahrlich keine Selbstverständlichkeit ist) und staufrei per Auto zurück (was an ein Wunder grenzt). Leider waren die Fahrten das Einzige an diesem Tag, was sich – nach der herkömmlichen Interpretation von „gut“ – als gut bezeichnen ließ. Der Rest, also der Zeitraum zwischen diesen Fahrten, trug den Titel „Bundesmitgliederversammlung der Ema.Li“.

Obwohl ich schon länger gute Freunde in der Ema.Li habe, war mir das Profil dieser Vereinigung nie so recht klar geworden. Erst im Februar diesen Jahres, im Zuge der Konferenz „Macht ohne Herrschaft“ und des Buches „Schritt für Schritt ins Paradies“, an denen ich mich als Auftretender und Autor beteiligt hatte, wurde mir klar, dass zumindest die für Buch und Konferenz verantwortlichen Ema.Lis den Begriff „emanzipatorisch“ wirklich ernst meinen und daraus auch ein parteikritisches Selbstverständnis ableiten. Mit Konferenz und Buch hatten sie einen ersten Schritt hin zu den libertären Wurzeln der Linken gemacht, vielleicht noch ein bisschen tapsig aber mit Verve. Zudem war es ein Schritt hinaus aus den üblichen Parteistrukturen und auf jene zu, deren politisches Engagement außerhalb des Parteiensystems stattfindet – getreu des Ema.Li-Selbstverständnisses als ein für Nicht-Parteimitglieder offener Zusammenschluss „in und bei der Partei Die Linke“. Und: Dieser Schritt war verbunden mit dem Entschluss, fortan intensiver in diese Richtung zu arbeiten.

Solches Engagement gilt es zu unterstützen, dachte ich mir, und gab nach angemessener Bedenkzeit dem Drängen meiner Ema.Li-Freunde nach, selber Mitglied zu werden, um an der Gestaltung des weiteren Weges mitwirken zu können. Mit mir traten mehrere liebe Kollegen ein, denen es ähnlich ging. Allerdings blieb uns ein Restzweifel. Immerhin hatte das Buch „Schritt für Schritt ins Paradies“ nur unter großen Mühen das Licht der Buchläden erblickt. Private Finanzierung war nötig geworden, nachdem der Bundes-KoKreis der Ema.Li, entgegen der getroffenen Vereinbarungen, dem fertigen Manuskript in letzter Sekunde die finanzielle Grundlage entzogen hatte. Und mit einer solchen Hypothek lässt sich nun mal schwer für kommende Projekte planen.
„Mach dir keine Sorgen“, sagten meine Ema.Li-Freunde. „Das sind nur ein paar Leute, die einfach nicht begreifen, was die Ema.Li ist oder sein könnte. Dummerweise stellen die derzeit noch die Sprecher des KoKreises. Aber bald wird ja neu gewählt, und wenn ihr Mitglieder seid, könnt ihr uns dabei helfen, die Weichen für die Zukunft zu stellen.“
So kam es zu unserem Ausflug nach Potsdam.

Um es kurz zu machen: Anfangs entwickelte sich alles genau so, wie die Freunde prognostiziert hatten. Da eine der beiden KoKreis-SprecherInnen wohl dauerhaft erkrankt ist, blieb nur noch einer übrig, um für das destruktive Vorgehen des KoKreises in der Buchfrage den Kopf hinzuhalten, ein mir vorher unbekannter Mensch, der allgemein OMO genannt wird. OMO betrat den Hof mit einem in dieser Szenerie eher bizarr wirkenden Aktenkoffer, flankiert von seiner Mama (!) und einer noch etwas älteren Dame, die ich fälschlicherweise (?) für seine Oma hielt. Keine sehr bedrohliche Schlachtaufstellung, dachte ich noch. Allerdings erschienen dann, kurz vor Beginn, noch drei junge Männer mit Laptops, die nur diesen OMO grüßten, uns keines Blickes würdigten, während der Veranstaltung passenderweise ganz hinten rechts saßen und am Ende so grußlos verschwanden, wie sie gekommen waren. „Parteisoldaten aus Marzahn“, raunte mir einer meiner Freunde zu.

Während der Aussprache über den Boykott des Buchprojektes und die damit einhergehende Auflösung des bisherigen KoKreises war es einzig OMO selbst, der dem Sturm der Entrüstung verbal entgegenzutreten versuchte. Bedenklich erschien mir jedoch von Anfang an, wie geradezu buddhistisch entspannt er blieb, während sein persönliches Fehlverhalten in dieser Frage ausführlich seziert und verschiedene seiner schriftlichen Aussagen zum Thema als dreiste Lügen enttarnt wurden. Trotz der erdrückenden Überzahl seiner Gegner ließ er keinen Zweifel an der Tatsache, dass er wieder für den KoKreis kandidieren würde und mithin wohl auch die Chance sah, abermals gewählt zu werden. Hybris? Autismus? Wahn? Weit gefehlt!

Als es endlich auf die Abstimmung zuging, sollte sich erweisen, dass machtbesessene Menschen wie dieser OMO niemals ohne B-Strategie zu solchen Auseinandersetzungen antreten. Und wie die Militärgeschichte lehrt, kann man Schlachten auch in Unterzahl gewinnen, wenn es gelingt, die feindlichen Truppen zu spalten. Als also alle längst müde diskutiert waren, die Wortführer seiner Gegnerschaft sich draußen vor der Tür zum Rauchen versammelt hatten, kam OMOs Moment. Mit demselben paternalistisch-gütigen Lächeln, mit dem er zuvor seiner eigenen Demontage beigewohnt hatte, zog er nun seine letzte Waffe aus dem Aktenköfferchen. Dabei handelte es sich um jene Art von Wunderwaffe, die zu finden sich schon mancher Diktator in seinen letzten Stunden vergeblich erträumte, und OMO bewies damit eindrücklich, dass auch er seinen Marx (Groucho) gelesen hat: „Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.“

OMOs Wunderwaffe bestand aus zwei Blättern Papier. Das erste wurde in der Runde herumgereicht, aber aufgrund der weiteren Entwicklung kaum beachtet. Es war eine Liste, die aufführen sollte, wer in der Vergangenheit welche Arbeiten geleistet habe. Unnötig zu sagen, dass hier jede von OMO geschriebene Email einzeln aufgeführt war, während die über 3000 Arbeitsstunden, die andere Ema.Lis etwa für Konferenz oder Mitgliederverwaltung geleistet hatten entweder gar nicht erwähnt oder anderen Personen (z.B. OMO) zugeschrieben wurden. Aber dies nur am Rande. Entscheidend war das zweite Papier.

Hierbei handelte es sich um nicht mehr und nicht weniger, als einen Auszug aus der Satzung der Partei Die Linke. Zwei Absätze, die er nun genüsslich in den halbleeren Raum verlas, und deren Aussage, seiner Ansicht nach, bedeute, dass Nicht-Parteimitglieder auch in der Ema.Li nicht wahlberechtigt seien. Dies schlösse sowohl mich als auch meine drei Künstlerkollegen und drei weitere Ema.Lis – also knapp ein Viertel der Anwesenden – von der Wahl aus. Eilig wurden die Raucher wieder herein gerufen, und es begann eine Diskussion, deren absehbares Ende – hätte man sich nicht ohne die Wahl eines neuen KoKreises vertagt – die Selbstauflösung der Ema.Li gewesen wäre. Immerhin ist ja die Aufnahme von Nicht-Parteimitgliedern Teil ihres Selbstverständnisses und die Aufteilung in Mitglieder zweier Klassen schwerlich mit dem Begriff „emanzipatorisch“ vereinbar.

OMO war das offensichtlich gleichgültig. Wie jedem Feldherr ging es ihm nur um eins: um den Sieg.

Den ganzen Beitrag kannst Du hier lesen 

Danach gab es noch eine BMV in Hannover, wo man den Knoten lösen konnte. Der Sprecher*innen-Posten wurde abgeschafft und ein neuer, bis heute gut  funktionsfähiger Ko-Kreis wurde gewählt. Ende gut, alles gut…

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2 Kommentare zu “Vor einem Jahr: Der Eklat von Potsdam

  1. Der Link zum „ganzen Beitrag“ funktioniert bei mir nicht – braucht man einen facebook-Account, um ihn zu lesen? Wollt Ihr ihn nicht lieber hier in voller Länge zugänglich machen?

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