Linke Feminist_innen in der Sackgasse?

Von Manuela Schon (Wies­ba­den)  Mit­glied der bun­des­wei­ten Frau­en­ar­beits­ge­mein­schaft LISA und Akti­vis­tin bei Aboli­tion 2014 auf Antifra*(Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus)

«Ich bin es so ver­dammt leid. Ich bin es leid, mir diese Marxist_innen anzu­schauen, diese Sozialist_innen, diese Anarchist_innen, diese ach so revo­lu­tio­nä­ren Leute, die Frauen da drau­ßen in der Kälte ste­hen las­sen. Ich bin es leid, dass sie in allen Fra­gen radi­kale Posi­tio­nen ein­neh­men, außer bezüg­lich der Sex­in­dus­trie. Denn wisst ihr, wir kön­nen die Welt ver­än­dern, wir kön­nen eine neue Gesell­schaft schaf­fen – eine, die fair ist, gerecht, frei und ega­li­tär – aber wir erhal­ten eine Klasse von Frauen für Blo­wjobs.» (Meg­han Mur­phy: «Why I won’t be sup­porting Canada’s Next Top Pro­gres­sive Star­tup, Rico­chet»
Die Kana­die­rin Meg­han Mur­phy spricht mir – und vie­len ande­ren – damit aus dem Her­zen. Noch nie zuvor habe ich mit Tei­len der deut­schen Lin­ken und der femi­nis­ti­schen Szene so sehr geha­dert wie in der Aus­ein­an­der­set­zung mit der mil­li­ar­den­schwe­ren Sex­in­dus­trie. Mein Ver­ständ­nis von Femi­nis­mus ent­spricht dem der us-amerikanischen Femi­nis­tin Bar­bara Smith, die sagte: «Beim Femi­nis­mus geht es um die Befrei­ung aller Frauen, alles dar­un­ter ist kein Femi­nis­mus.» Oder um es mit Gail Dines zu sagen: «Neo­li­be­rale Femi­nis­tin­nen for­dern die Hälfte des Kuchens ein. Wir radi­ka­len Femi­nis­tin­nen wol­len gar nichts von die­sem ver­gif­te­ten Kuchen.» In mei­nen Augen muss sich die Linke ent­schei­den: Rich­ten wir uns gemüt­lich ein im Ultra­ka­pi­ta­lis­mus und for­dern ein paar Auf­sichts­rats– und Geschäfts­füh­re­rin­nen­pöst­chen hier und bes­sere indi­vi­du­elle Kar­rie­re­chan­cen dort, geben wir uns mit dem «Empower­ment» ein­zel­ner Frauen zufrie­den, oder neh­men wir end­lich den Kampf auf für die Befrei­ung aller Frauen, die in die­sem neo­li­be­ra­len Sys­tem in der Regel als erste unter die Räder kom­men? Ich meine mal ernst­haft: In einer Gesell­schaft, in der mehr als jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens Betrof­fene von irgend­ei­ner Form von Gewalt wird: Sind DAS wirk­lich unsere Prio­ri­tä­ten als linke Femi­nis­tin­nen? Ist es nicht Zeit unse­ren Fokus neu zu schär­fen?
Ich habe mich mit dem Thema Pro­sti­tu­tion aus unter­schied­li­chen Blick­win­keln aus­ein­an­der­ge­setzt, und es ist schwer, dies in einem ein­zi­gen Debat­ten­bei­trag zusam­men­zu­fas­sen. Für eine tie­fer­ge­hende Betrach­tung seien des­halb die Quer­ver­weise empfohlen.

Das «Nor­di­sche Modell» – Eine Erfolgs­ge­schichte!
Das Euro­päi­sche Par­la­ment hat im März sei­nen Mit­glieds­staa­ten die Über­nahme des so genann­ten «Nor­di­schen Modells» emp­foh­len. Was zuerst die Schwed_innen (1999), dann auch die Norweger_innen und Isländer_innen (2008) ver­stan­den haben, ist, dass Pro­sti­tu­tion eine zutiefst patri­ar­chale Insti­tu­tion ist, die Geschlech­ter­gleich­be­rech­ti­gung fun­da­men­tal im Weg steht und die gesamte Gesell­schaft, und eben nicht nur die Frauen (Män­ner, Trans­per­so­nen…) in der Pro­sti­tu­tion, nega­tiv beein­träch­tigt. Man muss sich nur mal die Außen­wahr­neh­mung der unter­schied­li­chen Län­der anschauen: Wäh­rend Schwe­den über­all auf der Welt zuneh­mend als Vor­bild gilt, der Rück­gang von Menschenhandel/Zwangsprostitution und der Zusam­men­hang von mehr Pro­sti­tu­tion = mehr Ver­ge­wal­ti­gung inzwi­schen bes­tens belegt ist, gel­ten Deutsch­land und die Nie­der­lande als Nega­tiv­bei­spiele, wie man es bitte nicht machen sollte. Ob «Ger­many is like Aldi for pro­sti­tu­tes» oder«Deutsch­land ist die Hölle auf Erden für die pro­sti­tu­ierte Klasse»  – es fin­den sich zahl­rei­che sol­cher Bewer­tun­gen. Der Tele­graph hat einen erschüt­tern­den und sehr sorg­fäl­tig recher­chier­ten und welt­weit viel beach­te­tenGesamt­über­blick über die Situa­tion in Deutsch­land.
Allen Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen zum Trotz (z.B. etwa der unver­meid­li­chen Susanne Dodil­let, die immer wie­der als Kron­zeu­gin gegen das nor­di­sche Modell aus­sa­gen darf, der aber in Schwe­den wis­sen­schaft­li­che Unzu­läng­lich­keit nach­ge­wie­sen wurde; oder Petra Öster­grens, die ihre Mas­ter­ar­beit auf 15 hand­ver­le­se­nen Pro­sti­tu­ier­ten auf­baute und die alle die­je­ni­gen, die schlechte Erfah­run­gen in der Pro­sti­tu­tion gemacht haben, expli­zit aus­schloss), zeigt Schwe­den den bes­ten Weg zum Umgang mit Pro­sti­tu­tion auf.
Schwe­den hat 1999 nach jahr­zehn­te­lan­ger, inten­si­ver (!) und sehr weit­ge­fä­cher­ter For­schung ein Gesetz ein­ge­führt, nach dem das Anbie­ten und der Ver­kauf von Sex legal ist, der Kauf hin­ge­gen sank­tio­niert und gesell­schaft­lich mit unter­schied­lichs­ten Mit­teln bekämpft wird. Häu­fig wird behaup­tet, die­ses Gesetz sei über die Köpfe der Betrof­fe­nen hin­weg beschlos­sen wor­den. Dem ist ein­deu­tig nicht so. Die schwe­di­sche For­schung zeich­net sich gerade dadurch aus, dass sie sehr genau auf die Stim­men der Betrof­fe­nen gehört hat. Seit den spä­ten 70er Jah­ren tra­fen sich schwe­di­sche Prostitutionsforscher_innen mit Betrof­fe­nen, ganz ohne Vor­ur­teile, und hör­ten sich an, was sie zu sagen haben. Die Expert_innen der Regie­rungs­kom­mis­sion besuch­ten ab 1977 mehr als drei Jahre lang Sex­clubs, spra­chen mit Pro­sti­tu­ier­ten, Sex­käu­fern und ande­ren, die sie dort tra­fen. Sie woll­ten ver­ste­hen, was genau Pro­sti­tu­tion aus­macht. Her­aus kam ein 800 Sei­ten dicker Bericht, davon 140 Sei­ten Aus­sa­gen von Betrof­fe­nen. Seite für Seite erzähl­ten pro­sti­tu­ierte Frauen von ihrem Weg in die Pro­sti­tu­tion, über die Sex­käu­fer, von der Rolle von Alko­hol und Dro­gen, von Gewalt, Scham, Stärke und Über­le­bens­stra­te­gien. Diese Vor­ge­hens­weise war ein­ma­lig. Frü­here For­scher hat­ten Pro­sti­tu­ierte als abnor­mal abge­stem­pelt, Pro­sti­tu­tion am Rand der Gesell­schaft ver­or­tet. Diese For­schung kann zu Recht als Para­dig­men­wech­sel bezeich­net wer­den (vgl. Trine Rogg Kors­vik: The Nor­dic Model)…..Der ganze Text

 

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