Was reden die denn da?-Barbara Kirchner über »feministisches Sprachhandeln«:

„Was reden die denn da?

Es ist schon kurios: Da gibt es Leute, die kein Problem damit haben, dauernd Wörter und Wendungen zu gebrauchen, die sie erst seit ein paar Jahren, höchstens Jahrzehnten kennen: »online«, »kompatibel«, »Islamismus«, »downloaden«, »elfter September«. Sie haben auch gefressen, daß manche Sachen heute anders heißen als früher: »Analyst« statt »Analytiker«, »zeitnah« statt »bald«. Sie sind auch damit einverstanden, daß die Zuordnung von Begriffen untereinander sich ändert: Pluto ist kein »Planet« mehr. Aber wenn irgendwer irgendwo vorschlägt, statt Mutter oder Vater lieber »Elter« oder statt Professorin oder Professor lieber geschlechtsneutral »Professx« zu schreiben, dann geht für diese Leute die Welt unter. Gerade fordern Bastian Sick und andere aufgebrachte Reinheitsapostel in einem offenen Brief an die österreichischen »MinsterInnen für Frauen und für Wissenschaft« die »Rückkehr zur sprachlichen Normalität«. Niemand muß die feministischen Vorschläge lieben. Ich finde viele davon auch eher unbeholfen und sehe mit Bedauern, daß diejenigen, die sie in die Debatte werfen, sich davon wahre Wunderdinge erhoffen, dazu gleich ein paar Worte. Aber woher kommen Bestürzung, Wut, Empörung, Glossen, Witzchen und das Opfergetue mittelalter Säcke?

Mir liegt »Analyst« auch mies im Mund, und wenn Pluto kein Planet mehr ist, grolle ich einer Astronomie, die mir meine Kindheitserinnerungen wegnimmt, aber dann ist auch schnell wieder Ruhe im Karton. Ich habe, wie jeder vernünftige erwachsene Mensch, eben lernen müssen, daß sich das, worüber wir reden und schreiben, ändert, und damit auch die Art, wie wir reden und schreiben. Das wissen die Beschützer (es sind meistens Typen) der Muttersprache gegen die Gendermonster auch und praktizieren es, siehe oben, in nicht geschlechterbezogenen Zusammenhängen mit der allergrößten Selbstverständlichkeit. Wieso also ist »feministisches Sprachhandeln« (so heißt der Sammelname der umstrittenen Reförmchen) vielen, nicht nur den üblichen Feuilletonsesselpupsern, so ein Schrecken? Das ist wirklich erklärungsbedürftig – denn die Erregten sind keineswegs wild rebellische Personen, die sich grundsätzlich nichts vorschreiben lassen, sondern die üblichen Deutschen, die noch jede Bahnprivatisierung samt Preiserhöhung, jede Steuer für idiotische Kriege, jede Gesundheitsversorgungsverschlechterung, jede Bespitzelung, jede Bildungskürzung ohne Muckser geschluckt haben. Rauben Staat und Monopole sie aus, dann stehen sie rum, als ob es sie nichts angeht, aber wenn sie nicht mehr so reden dürfen wie bisher, vor allem über Weiber, dann packt sie der Mut.“

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