Gute Bettler, schlechte Bettler

Am Boden: die Obdachlosenzeitung „Strassenfeger“

von Karsten Krampitz

(Der Text erschien in einer gekürzten Fassung im aktuellen „Freitag“, Printausgabe Nr. 25., 18. Juni 2015, S. 14.)

In der „Berliner Zeitung“ habe ich neulich von Andreas Düllick gelesen. Der nichtobdachlose Chefredakteur des Berliner „Strassenfegers“ beklagte sich über die osteuropäischen Migranten unter seinen Verkäufern. Düllick wurde zitiert mit den Worten: „Betrugsversuche und aggressives Betteln werden registriert und geahndet.“

Eigentlich dürfte ich gar nicht über dieses Thema schreiben. Ich bin sechs Jahre Redakteur des „Strassenfegers“ gewesen, lange Zeit auch der einzige. Aber ich habe mich nie „Chefredakteur“ genannt. Von den Verkäufern war ich basisdemokratisch gewählt worden und habe bis zu meinem Abschied im Jahr 2000 eine wunderbare, wenn auch anstrengende Zeit erlebt. So haben wir gemeinsam eine Bettelakademie gegründet; gut 40 Journalisten und auch drei Berufspolitiker haben beim „Strassenfeger“ einen Tag lang in Unterrichtsfächern wie „Sitzung halten“, „Kirchenstich“ oder „Containern“ reüssiert, unter professioneller Anleitung. Die jeweiligen Artikel der Journalisten nahmen wir dann in die nächste Ausgabe mit rein und stellten sie dem Bericht des „Dozenten“ gegenüber. Gegen die Vertreibung aus der Stadtmitte haben wir mit einem Sit-in den Bahnhof Zoo besetzt. Auf den Plakaten stand: „Freiheit stirbt mit Sicherheit – und ihren Diensten!“ Im Protest gegen die jährliche Schließung der Kältehilfe, d.h. der kirchlichen Notübernachtungen am 31. März, haben wir damals die Lobby im Kempinski gestürmt, mit Transparenten auf denen zu lesen war: „Es sind noch Betten frei!“

Gut, es hat immer Stress und Zank gegeben und auch immer Leute, die sich nicht an Regeln hielten. Es kam sogar vor, dass in der offenen Redaktionssitzung die Töle eines Verkäufers nach mir schnappte. Und eines Tages saß die NPD bei uns am Tisch: ein gesetzter älterer Herr, der nur eine Spende von 100 Mark abgeben wollte. Es kostete mich alle Kraft, diesen Mann, der darauf bestand, Mitglied einer demokratischen Partei zu sein, gegen den mehrheitlichen Willen der Verkäufer zum Teufel zu schicken. – Aber nie, wirklich nie wäre ich auf die Idee gekommen, mich in der Öffentlichkeit von den eigenen Leuten zu distanzieren!

Betrugsversuche und aggressives Betteln“ sollen jetzt geahndet werden. Tatsächlich. Warum eigentlich nicht beim sogenannten Chefredakteur?

Andreas Düllick bettelt doch in jeder Ausgabe. Unter seiner Ägide findet sich auf der Rückseite des „Strassenfegers“ seit vielen Jahren ein auszufüllender Spendencoupon. Wofür genau das Geld gebraucht wird, erfährt der Leser nicht. Auf dem Foto lächelt irgendein Mensch und hält sich die geöffnete Klemmmappe übers Haupt. „Ein Dach überm Kopf“ heißt die Spendenkampagne. Und weiter unten: „um obdachlosen, wohnungslosen und armen Menschen wirksam helfen zu können, (…) brauchen wir dringend Hilfe!“

Verkäufer, die mich noch kennen, haben mir erzählt, dass der Strassenfeger seit anderthalb Jahren kein Notübernachtungsprojekt mehr hat. Das ist bitter. Ich hab sie gefragt, was denn nun passiert mit den vielen Daueraufträgen von Leuten, die (womöglich schon seit zehn Jahren und länger) jeden Monat für Unbedachte spenden. Wird das Geld zurücküberwiesen? – Man weiß es nicht.

Ich denke nicht, dass der Strassenfeger jemals ökonomisch gearbeitet hat. Jedenfalls nicht im kapitalistischen Sinne. Das Wort Oikos stammt aus dem Griechischen und bedeutet das Haus. Eine Obdachlosenzeitung kann sich also gar nicht ökonomisch rechnen.

Ökonomie schloss ja ursprünglich ein riesiges Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen mit ein. – Wenn die Bäuerin heute sagt, sie hat eine Wirtschaft zu versorgen, meint sie nicht nur den Acker und die Tiere, sondern auch ihre Familie, um die sie sich zu kümmern hat. Bei einem Industriearbeiter oder einer Bankangestellten sieht das völlig anders aus; die Trennung von Arbeits- und Lebenswelt ist der Normalfall. – Nur eben nicht bei Obdachlosenzeitungen.

Umso bedenklicher erscheint es mir, dass die Verkäufer inzwischen weniger Rechte haben als irgendein Arbeitnehmer bei Siemens. Aber das alles geht mich wohl nichts mehr an.

P.S.: Erst neulich eröffnete Andreas Düllick in Berlin-Prenzlauer Berg eine Galerie namens „art strassenfeger“. Wieder so ein Sozialprojekt. Und bestimmt wird von jedem verkauften Bild ein Euro in soziale Projekte fließen. Vielleicht sogar in eine Notübernachtung für Obdachlose…

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