#StoppTTIP: Bekenntnis für Antiamerikanismus

Eigentlich habe ich ja Platzangst. Wenn der Veranstalter schon von 50000 zu erwartenden Demonstranten spricht, warum setze ich mich diesen Massen aus? Weil ich gegen TTIP bin?

Man traf sich auf dem Washingtonplatz, am anderen Ende des Hauptbahnhofs. Also mussten alle willigen Demonstranten, also die mit Bussen aus Wolfsburg und Wanne-Eickel oder sonstwo her rangekarrten Gewerkschaftler, Friedensaktivisten von ATTAC bis Greenpeace, Montagswahnwachenbegeisterte aus Bochum, AfD-Mitglieder aus Dresden, ökologisch einwandfrei lebende Grün-Sympathisanten aus dem Prenzlauer Berg, Jungspunde von Solid und Rebell, alteingesessende Kreuzberger, die es nochmal krachen lassen wollen und natürlich die fundamentalistischen Antikapitalisten diverser K-Gruppen sowie das ganze bürgerliche Spektrum des gepflegten und eloquenten Antiamerikanismus und ganz normale Berliner, die einfach die Sonne genießen wollten, wie ich, durch den Bahnhof geschleust werden, um auf den Platz des Treffpunktes zu gelangen, der bereits völlig überfüllt war und zusätzlich von Zäunen begrenzt wurde.

Es gab also keine Flucht vor soviel Bürgerwillen. Nichts für mich, dachte ich mir und floh genau über den Weg, den ich vom Europaplatz gekommen war. Aus der Entfernung sah das Ganze recht gewaltig aus, am Wasser hörte ich plötzlich Bässe. Also nichts wie hin zu den propagandistischen Wagen verschiedener Parteien und Massenorganisationen, die für den Demonstrationzug bereit standen. Bei der Linksjugend und bei Attac gab es die heißesten Moves und die besten Bässe. So näherte ich mich den Massen von der Seite, obwohl ich eigentlich auf der Flucht war. Aber die Dynamik einer Demonstration kann man sich nicht immer so ohne weiteres entziehen. Außerdem strahlte die Sonne.

TTIP und CETA sind die Feinde der Demokratie. Sie werden alles zerstören, für was wir einst mal gestanden haben. Sie sind in Hinterzimmer verhandelt worden, es gibt keine Transparenz oder Mitbestimmung. Die Europäer werden über den Tisch gezogen und die Amerikaner werden uns alles, aber auch alles diktieren. Ich war schon mal in den USA, da fand ich es aber gar nicht so schlecht. Gut, es ist nicht Europa, aber egalitäre und sozial gerechte Systeme gibt es hier ja auch kaum noch.

Die FDP ist für TTIP, also müsste man sowieso dagegen sein? Man sollte sich das genau anschauen, wer ist dagegen und warum und wer ist eigentlich dafür? Ich bin bei einem so wichtigem Thema nicht für Schwarz/Weiß-Malerei. Natürlich sind die 100tausenden heute auf Berlins Straßen ein deutliches Zeichen. Man muss fair verhandeln, wenn was Gutes für die Menschen draus werden soll.

Ich habe Parolen gesehen, die hätten auch bei Pegida getragen werden können. Plumper Antikapitalismus und schnöder Antiamerikanismus können es auch nicht sein. Ein verengter Blick auf eine globale und sich weiter globalisierende Welt helfen hier sicher nicht weiter. Die nationale Karte bedeutet mir nichts. Auch die europäische geht mir am Gesäß vorbei. Was sich für die Menschen insgesamt verbessern würde, das ist interessant.

Ich traue den Massen nicht, bin eher nicht Mainstream, fühle mich schon immer etwas marginal. Und ich wollte nicht dazu gehören. So gehört für mich ein differenzierter und kritischer Blick auf solche Phänomene von Massendemonstrationen dazu.

Für eine offene Gesellschaft, die es schafft, Flüchtlinge als einen Teil von ihr zu begreifen, gehen kaum Leute auf die Straße, obwohl es fast noch nötiger wäre. Gegen Nazis, AfDler, Pegida und die ganzen rechten Querfrontler gibt es Mobilisierungsprobleme. Dabei wären diese Anschläge und diese Gefahr für Gesellschaft und Grundgesetz als viel gefährlicher einzuschätzen, werden gerade von solchen Leuten Grundpfeiler unseres Gemeinwohls attackiert.

Antworten habe ich nicht, nur noch mehr Fragen. Als Diskussionsbeitrag verlinke ich hier mal einen anderen Zugang zu TTIP: „Die Degradierung des Gemeinwohls zum Handelshemmnis“ (RW)

…und jetzt kommen Bilder…

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Ein Kommentar zu “#StoppTTIP: Bekenntnis für Antiamerikanismus

  1. Mir geht es sehr ähnlich. Auch ich halte mich wegen solcher Bedenken von Veranstaltungen wie dieser fern.

    Gibt es eventuell Beispiele für den plumpen Antikapitalismus? Gab es auch Fälle antisemitischer Symbolik und Rhetorik?

    Dem Text des GSP kann ich mich anschließen: Wer das Staatsinteresse mit dem eigenen verwechselt, macht einen Fehler.

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