Freedom Rising – Emanzipationstheorie mit starker Beweisführung

Vortrag und Diskussion (KüfA + Bar)

Dienstag, 01.12.2015 – 20 Uhr
JUP, Florastr.84, 13187 Berlin – Zugang übers Café*

Christian Welzels Buch ‚Freedom Rising‘ von 2013 ist definitiv ein Muss
für die emanzipatorische Linke. Er nutzt darin eine enorme Datenmenge
(Open Data), um in vielfältigen Detailfragen zu klären, wie es sich
weltweit mit dem modernen Streben nach Freiheit verhält – welche
Ursachen es hat, welche Wechselwirkung und Konsequenzen damit verbunden
sind. Das Buch ist voll gepackt mit spannender Beweisführung, die
exemplarisch vorgestellt wird. Vieles ist leicht verständlich, es wird
aber auch einen kleinen Ausflug in die Analyse von Statistiken geben.
Das kann nicht schaden, da uns heute sogar Zahnpasta und Joghurt von
Wissenschaftler_innen verkauft werden.

Aber vor allem: Welzel entwickelt eine Emanzipationstheorie, die der
bisher vorgestellten sehr ähnlich ist – ein weiteres Indiz, dass wir uns
nah an der Realität bewegen. Welzel arbeitet mit Amartya Sens
‚capability approach‘ als Grundlage, welcher ebenfalls einen sehr stark
empirischen Hintergrund hat. Es fehlt nun nur noch etwas an
Wissenschaftskritik und Herrschaftskritik. Kapitalismuskritik fehlt
sogar gänzlich, aber es wird sich zeigen, dass sein Ansatz absolut
kompatibel ist. So ergibt sich die Aufgabe für diese Veranstaltung
Welzels starke Beweisführung mit einer kritisch-realistischen,
emanzipatorischen Perspektive zu verknüpfen.

Welzel, Christian (2013) Freedom Rising – Human Empowerment and the
Quest for Emancipation. Cambridge, N.Y.

Es gab die Idee, noch ein Zweites Buch vorzustellen, was aber aus
Zeitgründen nicht möglich sein wird. Für besonders Neugierige soll es
hier jedoch kurz beschrieben werden: Es handelt sich um „Gleichheit ist
Glück (2010)“ der Ernährungswissenschaftlerin Kate Pickett und des
Wirtschaftshistorikers Richard Wilkinson. Sie nutzen darin ebenfalls
große Datenmengen, um gesamtgesellschaftliche Nachteile von Ungleichheit
zu belegen – also nicht die ohnehin bekannten Nachteile für die
Verlierer_innen – und zeigen, wie es mancherorts besser läuft als
anderswo. Das Buch richtet sich an all jene, die sich nicht als
Betroffene empfinden, und jene, die glauben es gäbe keine Alternative zu
Ungleichheit. Der empirische Teil kann in diesem Sinne auch für eine
emanzipatorische Linke eine gute Argumentationsgrundlage sein.
Allerdings fehlt es der Analyse auch hier an aktueller kritischer
Sozialtheorie. Das heißt, dass es ohne eine Verknüpfung mit einer
kritisch-realistischen, emanzipatorischen Perspektive eher naiv und
zahnlos im Kampf gegen Ungleichheit wirkt – bzw. als Aha-Effekt für
herzenswarme Lippenbekenntnisse.

Wilkinson, R. & K. Pickett (2010) Gleichheit ist Glück – Warum gerechte
Gesellschaften für alle besser sind. Tolkemitt, Berlin

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