Sexuelle Gewalt: Nach #Aufschrei kommt jetzt #ausnahmslos

Nach #Aufschrei kommt jetzt #Ausnahmslos. Drei Jahre sind ins Land gegangen. Geändert hat sich nichts. Nicht bei den Männern, nicht bei den Behörde, nicht bei der Justiz, nicht in der Gesellschaft. Sexuelle Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen (gegen Schwule, Lesben, Transmenschen, Schwarze, Behinderte, Kinder) ist alltäglich, wird verharmlost und salonfähig in dieser Gesellschaft.

Wieder gibt es einen Protest und wieder ist damit die Hoffnung verbunden, dass sich endlich was ändert. In der Gesellschaft, in den Ehen, auf dem Arbeitsplatz, in Straßenbahnen, überall dort, wo Übergriffe stattfinden. Und in der Politik, die sich endlich bewegen und reagieren muss.

Schaun wa mal…

„In der Silvesternacht auf 2016 waren in Köln und anderen deutschen Städten viele Frauen sexualisierter Gewalt an öffentlichen Plätzen ausgesetzt. Diese Taten müssen zügig und umfassend aufgeklärt werden. Die Schutzlücken im Straftatbestand der sexuellen Nötigung/Vergewaltigung müssen endlich geschlossen werden.

Wir fordern, dass den Betroffenen jetzt alle Unterstützung und Hilfe zukommt, die sie benötigen. Wir stehen solidarisch mit all denjenigen, die sexualisierte Gewalt und Belästigung erfahren und erfahren haben.“

„Wer wir sind

Als Feminist_innen1 aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen setzen wir uns seit vielen Jahren für Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern und für eine offene und faire Gesellschaft ein, engagieren uns gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt. Dabei haben wir gelernt, wie wichtig es ist, auch gegen Rassismus und andere Formen von Diskriminierung zu stehen.

Dafür setzen wir uns ein

Der konsequente Einsatz gegen sexualisierte Gewalt jeder Art ist unabdingbar und von höchster Priorität. Es ist für alle schädlich, wenn feministische Anliegen von Populist_innen instrumentalisiert werden, um gegen einzelne Bevölkerungsgruppen zu hetzen, wie das aktuell in der Debatte um die Silvesternacht getan wird.

Sexualisierte Gewalt darf nicht nur dann thematisiert werden, wenn die Täter die vermeintlich „Anderen“ sind: die muslimischen, arabischen, Schwarzen oder nordafrikanischen Männer – kurzum, all jene, die rechte Populist_innen als „nicht deutsch“ verstehen. Sie darf auch nicht nur dann Aufmerksamkeit finden, wenn die Opfer (vermeintlich) weiße Cis2-Frauen sind. Der Einsatz gegen sexualisierte Gewalt muss jeden Tag ausnahmslos politische Priorität haben, denn sie ist ein fortwährendes Problem, das uns alle betrifft. 2014 ergab eine Erhebung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA), dass mehr als die Hälfte aller Frauen bereits sexuell belästigt wurde und ein Drittel sexualisierte und/oder physische Gewalt erlebte. Die polizeiliche Kriminalstatistik weist jährlich mehr als 7.300 angezeigte Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen in Deutschland aus3, das sindzwanzig jeden Tag. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher.

Alle Menschen sollen sich von klein auf, unabhängig von ihrer Ethnie, sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität, Religion oder Lebensweise, sicher fühlen und vor verbalen und körperlichen Übergriffen geschützt sein: egal ob auf der Straße, zu Hause, bei der Arbeit oder im Internet. Ausnahmslos. Das sind die Grundlagen einer freien Gesellschaft….“

Hier kannst Du den ganzen Aufruf und wer ihn unterschrieben hat, finden.

 

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Rape Culture?

Anmerkungen zur aktuellen Debatte über Gewalt und Sexismus nach Köln, Hamburg, Kleinkleckersdorf und überall

von Konstanze Kriese

Sarrazin sollte endlich Ehrenvorsitzender der SPD werden. Der einstige Ausschlussantragsteller Gabriel hat offenbar seinen Frieden mit dem xenophoben Parteimitglied gemacht und ergänzt beflissen die Ober- und Außengrenzenträume der bayrischen Partei- und Staatsführung mit einer sozialdemokratischen Version eines staatstragenden Rassismus, indem er straffällige Asylbewerber schneller abschieben will. Nun muss er nur noch gemeinsam mit seinem Eliteideologen mit den besorgen Bürgerinnen und Bürgern verständnisvoll reden, damit die sich wieder ganz „europäisch“ oder „christlich-abendländisch“ fühlen können und alles wird gut. Sexismus, Gewalt gegen unsereFrauen, so ein vorausgesagtes Nebengleis der weltweiten globalen Migration, sind damit auch aus der Welt. Köln goes Karneval.

Viel Vertrauen in unser Strafrecht hat Gabriel offenbar nicht. Er will, wenn auch rechtsstaatlich fragwürdig, Gewalt mit Abschiebung bestrafen? Was dieser rassistische Populismus nicht beantwortet, ist, was nun die gängige Bestrafung für deutsche Staatsbürger sein soll? Ein Blick auf die Fassung und Praxis rund um den geltenden Paragraphen 177 StGB sagt alles. Der Gesetzgeber kann nur Vergewaltigungen bestrafen, wenn sich Opfer spürbar, das heißt u. a. nachweislich gewehrt haben. Widerstand muss nachgewiesen werden. Schockstarre, taktischen Verhalten im Überlebenskampf zählen nicht, nur Kratzspuren, Bisswunden, eigene Verletzungen. Äh, halt, da muss Frau eventuell noch nachweisen, dass dies nicht ihren favorisierte sexuellen Neigungen entspricht, mal etwas härter rangenommen zu werden. Was als Widerstand gegen seelisch und körperlich verletzende Gewalt bei einer Vergewaltigung gilt, bestimmen am allerwenigsten die Vergewaltigten. Wer da nicht opferlikegenug auftritt, hat gleichfalls schon verloren.

Abgesehen von dem sich derzeit aufschaukelnden Rassismus, weil die Straftaten in der Kölner Silvesternacht offenbar vorwiegend und im Kern von mittelmäßig integrierten in Köln ansässigen, gut bekannten Intensivtätern mit dunklerer Hautfarbe begangen wurden, geht mir in der nicht geführten oder erneut instrumentalisierten Gewalt gegen Frauen Debattenoch einiges anderes auf die Nerven.

Zuerst natürlich stört, dass die Debatte um Gewalt gegen Frauen, um sexualisierte Angriffe und Herabwürdigungen wie immer nicht geführt wird. Anne Wizorek (1), Antje Schrupp (2) u.v.a. haben es schon überall bekundet. Die Debatten über Sexismus und Gewalt gegen Frauen haben sich im feministischen Erfahrungshorizont längst als VerliererInnen-Debatte etabliert. Es geht zumeist nicht um die im Alltag tief sitzende Gewalt gegen Frauen und den sich da herum klebenden Sexismus, sondern um nervende „Feminismen“, „Genderwahn“, „Ausländer“, „Rache“. Es geht natürlich nie um Macht und Herrschaft, ums weltumspannende Patriarchat, sondern wenn überhaupt, um bedauerliche oder „selbstverschuldete Einzelfälle“, die denn auch noch aufgebauscht werden. Inzwischen ist das praktische und beschwiegene Ausmaß des Alltagssexismus und der Gewalt gegen Frauen mit dem Begriff der rape culture auch noch in schönste Klangfarben getaucht. Dabei handelt es sich hierbei um Barbarei und nicht um irgendeine Kultur. Aber es klingt dann nicht so zickig, so nach verletzender und tötender Gewalt und abwertendem, brutalen und alltäglichen Sexismus, den immer irgendwie die anderen tätigen, dulden oder erleben. Rape culture klingt, zumindest für mich tendenziell nach etwas, dem die moderne Fraumit einem Face von Milla Jovovich und ersatzweisem tradiertem Kniehoch schon zu begegnen weiß, wenn sie in den richtigen Alpha-Mädchen-Peergroups großgeworden ist. Wer erzählt schon gern, dass er vom wandelnden alten Herrenwitz während der Arbeit oder beim Entspannen getroffen wurde, in einer Männerrunde nah bei war, die Fassung zu verlieren, weil sie oder nicht anwesende Frauen auf Körperliches, abwertend „Weibliches“ oder auf das politische Rollenfach Muttioder Emanzereduziert wurden.

Wir könnten vielleicht von rape barbarism sprechen, wenn schon denn schon.

Sexismus und Gewalt gegen Frauen scheint der beste Stoff für Instrumentalisierungen aller Art zu sein. Kommt das Thema nackt und pur ans Licht der Welt, Gewalt gegen Frauen, so geschehen in der FRA-EU-Erhebung 2014 (3), dann interessiert es schlicht keinerlei relevante gesellschaftliche Öffentlichkeit. Dabei sprechen diese and anderes Studien eine deutliche und bedrückende Sprache. Drei FrauenpolitikerInnen wiederholen nach derartigen Veröffentlichungen in einschlägigen Pressorganen die reichlichen und lange bekannten Fakten, verweisen auf den jämmerlichen gesetzlichen oder besser gesetzlosen Umgang mit unzureichendem Schutz vor Gewalt und beklagen die Unterfinanzierung von Prävention und Opferschutz.

Und jetzt noch einmal zum Mitschreiben für alle Politikerinnen und Politiker, die gerade Regierungsverantwortung haben: Deutschland hat das „Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, dass 2014 in Kraft getreten ist, die sogenannte Istanbulkonvention (4) bis zum heutigen Tage noch nicht einmal ratifiziert, geschweige denn ernsthafte Schritte zur Umsetzung vorgelegt. 

Die derzeitige Bundesregierung hat nur ab und an auf die Istanbulkonvention verwiesen und dass sie da nun auch mal etwas vorlegen will. Während die Kürzungen bei Frauenhäusern und Opferschutz anhalten, es keinerlei bundeseinheitliche Schutzstandard und Rechtsansprüche gibt, hat sich die Bundesregierung statt dessen lieber medienwirksam mit ihrer vorgeschlagenen Novelle zur Regelung der legalisierten Prostitution in Szene gesetzt. Herausgekommen ist ein klassischer Holzweg, eine ungeheuerliche Nebelbombe politischer Kommunikation.

Keine einzige Zwangsprostituierte hat auch nur einen Fortschritt von der neuerlich geplanten Registrierung und Überwachung. Eine Untersuchung der Prostitution in Wien ergab, dass Zwangsprostituierten immer die mit den richtigen Papieren und Registrierungen sind. Wird Zwangsprostitution trotzdem nachgewiesen, folgt nicht etwa ein Ausstiegsprogramm mit Sprachkurs, Arbeitsangebot und Aufenthaltserlaubnis. Es folgt zumeist die Abschiebung. Die Novelle des ebenso unzulänglichen Prostitutionsgesetz von 2002 dient praktisch nur der Verfolgung derer, die nicht unter den aller beschissensten Verhältnissen zur Prostitution gezwungen wurden, sondern sich nach rationalen Erwägungen für eine Broterwerb durch Prostitution selbst entschieden haben. Wegen verlogenen anhaltenden Stigmatisierungen und dem oft geplanten späteren Berufswechsel oder der Aufgabe der Nebentätigkeit neben dem Studium, der Kindererziehung oder anderer Jobs, wollen viele Prostituierte anonym bleiben. Diesem lebenspraktischen realen „Prostituiertenschutz“ rückt die Novelle der Bundesregierung zu Leibe. Überdies erschweren die neuen Gesetzesvorschläge selbstverwaltete gewerbliche Wohnungsprostitution gegenüber Modellen, die für Prostituierte faktisch eine größere Abhängigkeit von Bedingungen der Immobilienbesitzer bedeuten. Dies nur am Rande.

Also: Ein einziges Thema hat die Bundesregierung angeblich angepackt: Gewalt gegen Frauen im Sektor der Zwangsprostitution. Nur regelt sie praktisch die gewerbliche Prostitutions neu, bei der Zwangsprostitution nicht das Thema ist. Die Zwangsprostitution bleibt demnach im Ausmaß und bei mangelnder Verfolgung wie zuvor, weil sie gar nicht Gegenstand der gesetzlichen Novellierung war. 

Warum dieser kleine Exkurs? Weil wir damit schon beinahe alles abgehakt haben, was herrschende Politik einschließlich dicker Nebenschwaden bisher im Kampf gegen Gewalt gegen Frauen und Sexismus zu bieten hat. Nichts.

Zurück zur Kölner Silvesternacht und den ungeführten oder instrumentalisierten Debatten über alltägliche Gewalt gegen Frauen und Sexismus. Ich weiß nicht, wie es euch geht. Ich kann diese Figur: „Schutz von Frauen vor sexueller Gewalt“ – egal ob da jetzt auch noch „wehrlos“ stand oder nicht – kaum noch hören. Klar brauchen wir mehr Schutz, z. B. Bleiberecht für papierlose Putz-, Pflege- und Prostitutionskräfte bis zum Frauenhaus, statt des bürokratischen Wahnwitz, der da auf Frauen normalerweise wartet, zum Beispiel, wenn das Frauenhaus hinter der Landesgrenze liegt oder eben keine Papiere da sind (s. o.) 

Ja, es gibt diverse Situationen, wo Frauen (und Männer) wehrlos sind, beim abendlichen Heimweg am Stadtrand, in einer stillen Siedlung, auf dem Wege über den unübersichtlichen Hof, Parks, abgelegene Gelände und in vertrauten familiären Situationen. Am wenigstens hätte ich derartige gefahrvolle Situationen allerdings an den so mannigfach videoüberwachten Bahnhöfen, an einem Bahnhof in einer Großstadt, die gern feiert, voller Polizei, auch wenn es nur 200 gegen angeblich tausende andere Männer waren, vermutet. Konnten die vier Stunden lang nicht telefonieren und Unterstützung anfordern? War das Funknetz über Köln zusammengebrochen? Ich habe so was nirgendwo gelesen. Weshalb war dann da die Polizei eigentlich im Einsatz? Georg Restle stellt nach Veröffentlichung des Einsatzberichtes der Kölner Polizei in einem Tagesthemen-Kommentar Fragen:

„Der heute veröffentlichte Einsatzbericht der Bundespolizei scheint die schlimmsten Vorurteile zu bestätigen und wirft doch mehr Fragen auf, als er beantwortet: Warum wird ein solcher Bericht erst vier Tage später verfasst und dann an die Presse weiter geleitet? Ein Bericht, der an einigen Stellen maßlos übertreibt und plötzlich von mehreren tausend jungen Männern mit Migrationshintergrund spricht? Warum gab es vor dem Hauptbahnhof keinerlei Festnahmen und nicht mal Gefangenentransporter? Und warum um Himmels Willen reagierte die Polizeiführung nicht angemessen auf die Eskalation, auch nicht Stunden nach den ersten Hilferufen?

Ein Gewahrsam kam aufgrund von Kapazitätsproblemen nicht in Betracht, heißt es in dem Bericht. Wie bitte? Es konnte kein einzelner Krawallmacher aus dem Verkehr gezogen, kein Tatverdächtiger festgenommen werden, weil in Köln keine Zelle mehr frei war? Oder das: Polizisten in schwerer Schutzausstattung seien weder an Opfer, noch an Täter, noch an Zeugen herangekommen, weil man von herumstehenden Jugendlichen abgedrängt wurde? Ja, das ist wirklich schwer zu glauben.

Immerhin so viel steht heute fest: In Köln traf in der Silvesternacht Chaos auf Chaos. Das Chaos einer betrunkenen Männerhorde, die Frauen auf Übelste demütigte, bestahl und sexuell misshandelte, traf auf das Chaos einer Polizei, die die Lage offenbar zu keinem Zeitpunkt im Griff hatte. Und das an einem der größten Bahnhöfe Deutschlands – über zehn Stunden lang.

Der Bericht der Bundespolizei; für mich liest er sich wie ein schlechter Rechtfertigungsversuch für unterlassene Hilfeleistungen“ (5)

Offenbar hatte sich die nicht strafrelevante Schockstarre vieler Opfer an diesem Abend einmal mehr auf Polizei und Begleitungen ausgeweitet. Rape culture oder Rape Barbarism? Was haben wir in den letzten Tagen gelernt: Antanzen“ als Diebstahlablenkmanöver ist offenbar bekannt, aber noch nie ein eigenständiges Thema gewesen, geschweige denn eine strafbare Handlung. Es wird nie verfolgt, gilt als Masche. Nur es ist keine Masche, es ist Gewalt, die strafrechtliche Konsequenzen haben muss.

Ergebnis von Köln: Über unterlassene Hilfeleistung, mangelnden Schutz gegen Gewalt gegen Frauen, wo er möglich ist, nie verfolgte sexualisierte Gewalt im Zusammenhang mit Eigentumsdelikten wird geschwiegen. Über Obergrenzen, Abschiebung von Flüchtlingen, die nun irgendwie gar nichts mit der Gewalt am Kölner Bahnhof zu tun haben, über schnellere Abschiebungen von Asylbewerbern bei Straftaten wird gesprochen.

Was mich zusätzlich an der eigentlich nicht geführten Debatte stört, ist diese seltsam starre Formel der sexualisierten Gewalt“ oder noch absurder der „sexuellen Gewalt. Wir reden jetzt nicht über die Sprachformeln vom „Sex-Mob“ und „Sex-Irgendwas“, sondern um die sachlich, sensibilisierten Beschreibungen: sexualisierte Gewalt. Tatsächlich, es geht um Gewalt, um Erniedrigung und Beherrschen, um Opfer in Angst und Schrecken versetzen, handlungsunfähig machen. Es geht nicht um Sexualität. Doch Gewalt ist kein Naturereignis, die irgendwie in konstanten Mengen existiert, wie Regen, Schnee oder Sonnentage pro Jahr, weshalb die Zivilisation dagegen Schutzmechanismen zu errichten hat. Diese praktizierte Gewalt existiert, weil sie geduldet, nicht geahndet, ja sogar als Teil eines erheblich defizitären Rollenbildes von „männlicher Stärke“ akzeptiert, propagiert, anerzogen und weitgehend straffrei ausgelebt wird. 

Alle wissen das und alle wissen, dass das uralte Probleme sind, bei denen wir gemeinsam wegschauen und #Aufschrei-Kampagnen zu „da hat sich doch eine über so’n wandelnden Altherrenwitz aufgeregt“ im allgemeinen Gedächtnis verniedlichen. Am absurdesten, auch im Falle Köln, ist der Schrei nach Fakten, dass es vor Köln und vor dem 1.1.2016 schon ein gesellschaftliches Problem mit Gewalt gegen Frauen und Sexismus gegeben hätte. Munter wird da unter den Teppich gekehrt. Über die ganzen neuen Sauberfrauen und -männer, die den ethnifizierten Sexismus „gegen unsere wehrlosen Frauen“ am Bahnhof in Köln entdeckt haben, weil dort nordafrikanische aussehendeMänner zu den Tätern gehörten und nun weiter im Text mit Obergrenzen und Abschiebungen gekämpft wird, reichen tatsächlich die einfachsten Faktenchecks über Bundestagsabstimmungen. Als es Mitte der 90er Jahre nach 20jähriger Debatte um Präzisierungen zum Paragraphen 177 StGB ging, um die strafrelevante Anerkennung von Vergewaltigung in der Ehe, wurde eifrig dagegen gestimmt, zum Beispiel vom Mitglied im Menschenrechtsausschuss, Erika Steinbach.

Die nichtgeführte Sexismus-Debatte, wenn wir denn uns mal da heranwagen würden, ist von einem seltsam naturierten, biologistischen, kulturalistischen, geschlechter- und heteronormierenden Bullshit durchzogen. Nicht selten begegnet einer da, dass sexuelle Bedürfnisse von Männern offenbar aus dem Nichts mit Gewaltpotentialen verkoppelt sind, was „Biodeutsche“ allerdings durch eine mir nicht sehr geläufige Respektskultur gezähmt hätten. Frauen im Großen und Ganzen haben hingegen keine sexuellen Bedürfnisse, weshalb das auch irgendwie doppelt egal ist, dass „männlicher“ Sex and Crime immer gern gemeinsam verhandelt werden vom Film bis zur Politik. Es geht dbei nur nicht um Sex, sondern um Macht. Frauen sind bei der Produktion der gängigen Kommunikationsbilder und Worte eh in der Unterzahl mit ihren Interessen und Lebenserfahrungen. Einzige Aufgabe der Frauen in der Heterowelt, so scheint es also, ist wenigstens Einvernehmlichkeit zu signalisieren, damit die Firniss der Zivilisation schön leuchtet. Das geschieht natürlich ohne jeden gesellschaftlichen Druck von älteren Herren und ihren Witzchen, ohne lästernde Arbeitskollegen im Hinterkopf, ohne die gemiedenen oder genutzten zweideutigen Aufstiegskorridore. Immer schön lässig bleiben, aber bitte auch lasziv genug, Mädels. Wozu machen wir denn die viele schöne Werbung mit den halb nackten Frauen, sollte das Rentenalter von Frauen in öffentlich sichtbaren Positionen der Medien, nun sagen wir einfach mal auf 45 Jahre gesetzt werden? Warum haben wir den soften KiKa-Sender für die anständigen Mädchen, Barbiehäuser und das Botox für die weiblichen Scheintoten? In dieser Welt passt es gut, alles dafür zu tun, praktisch und in den Köpfen, dass Frauen per se wehrlos sind, die ewigen Opfer, die wahlweise beschütztwerden müssten, dann besser allerdings nicht von der Kölner Polizei, oder sie leiden. Und wenn Frau vermeintlich raus aus dem Rennen istschreibt sie Bücher von den Frauen, die im Alter abwesend und unsichtbar sindMan fragt sich wirklich, ob Bascha Mika (6) da ihre Brille verlegt hat.

Vor wem müssen Frauen nun beschützt werden? Vor Menschen, die man abschieben kann, weil sie Frauen als Freiwildsehen? Vor Pastoren, Onkel, Tanten, Väter, Brüdern oder schweigenden Müttern, Partnern, die sie zu Opfern machten, obwohl sie sie mehrheitlich nicht anzeigen, auch um ein Martyrium bisweilen nicht zu verlängern?

Müssen wir Frauen vor Politikerinnen und Politikern schützen, die Frauen nur in der Opferposition beschreiben, ihre Lebenslagen, von Doppelbelastung und mieser Bezahlung bis zu Erfahrungen von Gewalt und Sexismus ständig instrumentalisieren, aber niemals irgendetwas daran ändern würden?

Wie sensibel sind wir im Alltag, bei der Kindererziehung, der Diskussion um Filme, im Job, in der Debatte mit Freunden oder politisch und kulturell Gleichgesinnten. Klammern wir nicht gern die Debatte über Alltagssexismus aus, auch wenn wir ihn deutlich bemerken?

 

(2) Mensch beachte das Ressort des Beitrags. Familie. http://www.stern.de/familie/leben/koeln—was-jetzt-zu-tun-ist–ein-gastbeitrag-von-antje-schrupp-6632962.html

(4) Das Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt trat 2014 in Kraft. https://de.wikipedia.org/wiki/Übereinkommen_des_Europarats_zur_Verhütung_und_Bekämpfung_von_Gewalt_gegen_Frauen_und_häuslicher_Gewalt

(6) Bascha Mika: Mutprobe: Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden, 2014, siehe dazu auch: http://antjeschrupp.com/2014/02/20/ach-bascha-mika/

Linke Feminist_innen in der Sackgasse?

Von Manuela Schon (Wies­ba­den)  Mit­glied der bun­des­wei­ten Frau­en­ar­beits­ge­mein­schaft LISA und Akti­vis­tin bei Aboli­tion 2014 auf Antifra*(Debatte, Bildung, Vernetzung zu Migration und gegen Rassismus und Neonazismus)

«Ich bin es so ver­dammt leid. Ich bin es leid, mir diese Marxist_innen anzu­schauen, diese Sozialist_innen, diese Anarchist_innen, diese ach so revo­lu­tio­nä­ren Leute, die Frauen da drau­ßen in der Kälte ste­hen las­sen. Ich bin es leid, dass sie in allen Fra­gen radi­kale Posi­tio­nen ein­neh­men, außer bezüg­lich der Sex­in­dus­trie. Denn wisst ihr, wir kön­nen die Welt ver­än­dern, wir kön­nen eine neue Gesell­schaft schaf­fen – eine, die fair ist, gerecht, frei und ega­li­tär – aber wir erhal­ten eine Klasse von Frauen für Blo­wjobs.» (Meg­han Mur­phy: «Why I won’t be sup­porting Canada’s Next Top Pro­gres­sive Star­tup, Rico­chet»
Die Kana­die­rin Meg­han Mur­phy spricht mir – und vie­len ande­ren – damit aus dem Her­zen. Noch nie zuvor habe ich mit Tei­len der deut­schen Lin­ken und der femi­nis­ti­schen Szene so sehr geha­dert wie in der Aus­ein­an­der­set­zung mit der mil­li­ar­den­schwe­ren Sex­in­dus­trie. Mein Ver­ständ­nis von Femi­nis­mus ent­spricht dem der us-amerikanischen Femi­nis­tin Bar­bara Smith, die sagte: «Beim Femi­nis­mus geht es um die Befrei­ung aller Frauen, alles dar­un­ter ist kein Femi­nis­mus.» Oder um es mit Gail Dines zu sagen: «Neo­li­be­rale Femi­nis­tin­nen for­dern die Hälfte des Kuchens ein. Wir radi­ka­len Femi­nis­tin­nen wol­len gar nichts von die­sem ver­gif­te­ten Kuchen.» In mei­nen Augen muss sich die Linke ent­schei­den: Rich­ten wir uns gemüt­lich ein im Ultra­ka­pi­ta­lis­mus und for­dern ein paar Auf­sichts­rats– und Geschäfts­füh­re­rin­nen­pöst­chen hier und bes­sere indi­vi­du­elle Kar­rie­re­chan­cen dort, geben wir uns mit dem «Empower­ment» ein­zel­ner Frauen zufrie­den, oder neh­men wir end­lich den Kampf auf für die Befrei­ung aller Frauen, die in die­sem neo­li­be­ra­len Sys­tem in der Regel als erste unter die Räder kom­men? Ich meine mal ernst­haft: In einer Gesell­schaft, in der mehr als jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens Betrof­fene von irgend­ei­ner Form von Gewalt wird: Sind DAS wirk­lich unsere Prio­ri­tä­ten als linke Femi­nis­tin­nen? Ist es nicht Zeit unse­ren Fokus neu zu schär­fen?
Ich habe mich mit dem Thema Pro­sti­tu­tion aus unter­schied­li­chen Blick­win­keln aus­ein­an­der­ge­setzt, und es ist schwer, dies in einem ein­zi­gen Debat­ten­bei­trag zusam­men­zu­fas­sen. Für eine tie­fer­ge­hende Betrach­tung seien des­halb die Quer­ver­weise empfohlen.

Das «Nor­di­sche Modell» – Eine Erfolgs­ge­schichte!
Das Euro­päi­sche Par­la­ment hat im März sei­nen Mit­glieds­staa­ten die Über­nahme des so genann­ten «Nor­di­schen Modells» emp­foh­len. Was zuerst die Schwed_innen (1999), dann auch die Norweger_innen und Isländer_innen (2008) ver­stan­den haben, ist, dass Pro­sti­tu­tion eine zutiefst patri­ar­chale Insti­tu­tion ist, die Geschlech­ter­gleich­be­rech­ti­gung fun­da­men­tal im Weg steht und die gesamte Gesell­schaft, und eben nicht nur die Frauen (Män­ner, Trans­per­so­nen…) in der Pro­sti­tu­tion, nega­tiv beein­träch­tigt. Man muss sich nur mal die Außen­wahr­neh­mung der unter­schied­li­chen Län­der anschauen: Wäh­rend Schwe­den über­all auf der Welt zuneh­mend als Vor­bild gilt, der Rück­gang von Menschenhandel/Zwangsprostitution und der Zusam­men­hang von mehr Pro­sti­tu­tion = mehr Ver­ge­wal­ti­gung inzwi­schen bes­tens belegt ist, gel­ten Deutsch­land und die Nie­der­lande als Nega­tiv­bei­spiele, wie man es bitte nicht machen sollte. Ob «Ger­many is like Aldi for pro­sti­tu­tes» oder«Deutsch­land ist die Hölle auf Erden für die pro­sti­tu­ierte Klasse»  – es fin­den sich zahl­rei­che sol­cher Bewer­tun­gen. Der Tele­graph hat einen erschüt­tern­den und sehr sorg­fäl­tig recher­chier­ten und welt­weit viel beach­te­tenGesamt­über­blick über die Situa­tion in Deutsch­land.
Allen Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen zum Trotz (z.B. etwa der unver­meid­li­chen Susanne Dodil­let, die immer wie­der als Kron­zeu­gin gegen das nor­di­sche Modell aus­sa­gen darf, der aber in Schwe­den wis­sen­schaft­li­che Unzu­läng­lich­keit nach­ge­wie­sen wurde; oder Petra Öster­grens, die ihre Mas­ter­ar­beit auf 15 hand­ver­le­se­nen Pro­sti­tu­ier­ten auf­baute und die alle die­je­ni­gen, die schlechte Erfah­run­gen in der Pro­sti­tu­tion gemacht haben, expli­zit aus­schloss), zeigt Schwe­den den bes­ten Weg zum Umgang mit Pro­sti­tu­tion auf.
Schwe­den hat 1999 nach jahr­zehn­te­lan­ger, inten­si­ver (!) und sehr weit­ge­fä­cher­ter For­schung ein Gesetz ein­ge­führt, nach dem das Anbie­ten und der Ver­kauf von Sex legal ist, der Kauf hin­ge­gen sank­tio­niert und gesell­schaft­lich mit unter­schied­lichs­ten Mit­teln bekämpft wird. Häu­fig wird behaup­tet, die­ses Gesetz sei über die Köpfe der Betrof­fe­nen hin­weg beschlos­sen wor­den. Dem ist ein­deu­tig nicht so. Die schwe­di­sche For­schung zeich­net sich gerade dadurch aus, dass sie sehr genau auf die Stim­men der Betrof­fe­nen gehört hat. Seit den spä­ten 70er Jah­ren tra­fen sich schwe­di­sche Prostitutionsforscher_innen mit Betrof­fe­nen, ganz ohne Vor­ur­teile, und hör­ten sich an, was sie zu sagen haben. Die Expert_innen der Regie­rungs­kom­mis­sion besuch­ten ab 1977 mehr als drei Jahre lang Sex­clubs, spra­chen mit Pro­sti­tu­ier­ten, Sex­käu­fern und ande­ren, die sie dort tra­fen. Sie woll­ten ver­ste­hen, was genau Pro­sti­tu­tion aus­macht. Her­aus kam ein 800 Sei­ten dicker Bericht, davon 140 Sei­ten Aus­sa­gen von Betrof­fe­nen. Seite für Seite erzähl­ten pro­sti­tu­ierte Frauen von ihrem Weg in die Pro­sti­tu­tion, über die Sex­käu­fer, von der Rolle von Alko­hol und Dro­gen, von Gewalt, Scham, Stärke und Über­le­bens­stra­te­gien. Diese Vor­ge­hens­weise war ein­ma­lig. Frü­here For­scher hat­ten Pro­sti­tu­ierte als abnor­mal abge­stem­pelt, Pro­sti­tu­tion am Rand der Gesell­schaft ver­or­tet. Diese For­schung kann zu Recht als Para­dig­men­wech­sel bezeich­net wer­den (vgl. Trine Rogg Kors­vik: The Nor­dic Model)…..Der ganze Text

 

„Während vor allem weiße schwule Männer Freiheitsgewinne verbuchen…“

Schmetterlingsverlag: Queer und (Anti-)Kapitalismus

Cover ISBN 978-3-89657-061-1„Die «Erfolgsgeschichte» der bürgerlichen Homo-Emanzipation in den westlichen Industriestaaten während der letzten Jahrzehnte fällt mit der neoliberalen Transformation der Weltwirtschaft zusammen. Während vor allem weiße schwule Männer Freiheitsgewinne verbuchen, kommt es zu einem entsolidarisierenden Umbau der Gesellschaft, verbunden mit zunehmend rassistischen Politiken im Innern; zugleich dient der «Einsatz für Frauen- und Homorechte» als Begründung für militärische Interventionen im globalen Süden. Dabei waren es schon 1969 in der New Yorker Christopher Street «[S]chwarze und Drag Queens/Transgender of colour aus der Arbeiterklasse», die den Widerstand gegen heteronormative Ausgrenzung und Gewalt trugen und «sich in Abgrenzung zu weißen Mittelklasse-Schwulen und [-]Lesben ‹queer› nannten, lange bevor deren akademische Nachfahren sich diese Identität aneigneten» (Jin Haritaworn). Doch auch hierzulande sind es die queer People of Color, die aktivistisch wie theoretisch gesamtgesellschaftliche Perspektiven jenseits des gängigen Homonationalismus entwickeln.
Im Band betrachten wir die aktuell viel diskutierten Ansätze einer ‹queer-feministischen Ökonomiekritik› vor dem Hintergrund queerer Bewegungsgeschichte. Wir zeigen mögliche Verbindungen zum ‹westlichen Marxismus› Antonio Gramscis, zum postkolonialen Feminismus Gayatri Chakravorty Spivaks, zu den «Eine-Welt›»Konzepten von Immanuel Wallerstein und Samir Amin auf. Wegweisend ist für uns ein intersektionales Verständnis, wie es Schwarze Frauen und queere Migrant_innen in der Bundesrepublik bereits seit den 1980er Jahren erarbeitet haben. Uns interessiert in diesem Band, wie Geschlecht und Sexualität – stets verwoben mit Rassismus – im Kapitalismus bedeutsam sind, sogar dort erst aufkommen oder funktional werden. Theoretisch, historisch und immer mit Blick auf Praxis untersuchen wir die Veränderungen der Geschlechter- und sexuellen Verhältnisse der Menschen unter zeitlich konkreten kapitalistischen Bedingungen. Wem nützen die geschlechtlichen und sexuellen Zurichtungen der Menschen im Kapitalismus, und was lässt sich aus den historischen und aktuellen Kämpfen für queere Kapitalismuskritik lernen?“ (Quelle)

Voß, Heinz-Jürgen / Wolter, Salih Alexander:
Queer und (Anti-)Kapitalismus
1. Auflage 2013
Buch
180 Seiten, kartoniert
Schmetterling
ISBN 3-89657-061-7

12,80 EUR

(inkl. MwSt., zzgl. Porto)